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Richtig gut zusammen allein sein

WKZ vom 28.02.2006

Schaukelstuhloma kontra Mallorca- Connection:

Das Ettlinger Seniorenkabarett Graue Zellen

Weinstadt

„Man kann so alt werden und so alt werden", meint das Ettlinger Seniorenkabarett
Graue Zellen. In einem spritzig- satirischen Schlagabtausch mit viel Musik präsentier-
ten sie im voll besetzten Stiftshofkeller ihr neues Programm „Die zwei Gesichter des
Alters": die arme Schaukelstuhloma kontra die agile Mallorca- Connection.


Biologisch bedeutet das Alter Verfall, quasi eine Umkehrung des Wachstums. Im Alter definiere sich der Mensch nicht mehr nach dem, was er tut, sondern nach dem, was er nicht mehr tun kann. Höchste Zeit also, ein neues Bild des älteren Menschen zu entwerfen. Fritz Pechovsky, der Regisseur der Truppe und Schreiber der Texte, hat da eine Utopie: ein Mensch, der sein Alter nicht verleugnet, der sagt, was er denkt und der gelassen mit dem Schmerz und dem Gedanken an den Tod lebt. Ein Mensch, der keine Angst hat vor dem, was andere über das Alter sagen. Das alles sei im Alter erreichbar, behaupten die Grauen Zellen. Ironisch und satirisch, singend und swingend machen sie sich daran, diese Utopie zu verwirklichen, „den Rest von dem verrückten Leben" aktiv zu gestalten.

Ort der Ereignisse ist ein beliebiges Seniorenbegegnungszentrum, wo man Karten spielt, Zeitung liest, Vorträge über Rheuma und Diabetes hört und billig Kaffee trinkt. Oder wo man richtig gut „mit anderen zusammen allein sein kann". Hier treffen sich regelmäßig die Senioren Horst, Walter, Anna, Fritz, Anita und Norbert. Fritz, der Zyniker, lässt keine Gelegenheit aus, boshaft über das Alter und die ältere Generation zu lästern. Das nervt. „Gründe doch eine Partei!" schlägt die Socken strickende Anna vor. „Schreib ein Musical für uns", wünscht sich Anita. Das ist es, das passt. Ein Musical mit bekannten Liedern und neuen Texten. Singen und Tanzen können sie, auch wenn gerade der Sportlichste von ihnen sich bei der ersten Drehung einen Hexenschuss fängt. Die Ansprüche an das Werk sind jedoch vielfältig: Witzig soll es sein, meint Walter, denn „Lachen ist der Stuhlgang der Seele". Anita hätte gern eine Liebesgeschichte, für Anna soll's romantisch sein, Horst wünscht sich Inhalte. Bis alle Gedanken unter Dach und Fach sind, wird gebrüllt, gezickt, beleidigt raus gerannt. Das Ergebnis heißt schließlich „Die zwei Gesichter des Alltags". Das ist zum einen die arme Schaukelstuhloma, die daheim schnulzig-nostalgisch von der Vergangenheit („Yesterday") singt und träumt. Auf der anderen Seite steht die Gruppe der „ewig jungen und hyperaktiven Alten", die „Mallorca- Connection". Geprobt wird natürlich gleich, nicht erst morgen, denn man weiß ja nie, wie viel Zeit noch bleibt. Viel Freude haben die bekannten Lieder dem Publikum bereitet, die Valentina Taybulatova elegant auf dem Klavier begleitete. Mit dem provokativen Humor des Alltags haut dieses Stück in die richtige Kerbe. Witzig, frech und gar nicht altmodisch kam die Botschaft eins zu eins beim mitgehenden Publikum an. „Ach, das ist mir ja so aus dem Herzen gesprochen!", sagt Irene Zoller, die extra aus Freiberg zum Kabarett fuhr. Und Ingrid Olafson meint: „Das ist mir so vertraut, was die sagen, ich habe das Gefühl, ich kenne die Leute schon lange." Der 86-jährigen Irma Graze haben die flotten Chansons besonders gut gefallen. „Wir sind sowieso beschwingt", lacht sie. Überhaupt sei das Weinstädter Seniorenprogramm toll, meint ihre Schwägerin Sonja Graze. Die Veranstalter, der Stadtseniorenrat Weinstadt und Eva Strehl von der Interessenbörse Impulse, haben das richtige Händchen bewiesen. Die Grauen Zellen haben in Beutelsbach treue Fans. Vor zehn Jahren („Wir waren damals schon alt") sind sie zum ersten Mal hier aufgetreten. Der Jüngste von ihnen ist 62, der Älteste 81. Wie Anne sagt: „Wenn wir unser Alter richtig leben, dann nehmen wir der kommenden Generation die Angst vor dem Alter."