Startseite | Impressum | Kontakt

Nicht nur was für Feuilletonisten

WKZ vom 18.11.2005

Nicht nur was für Feuilletonisten

„Dich und mich im Blick": Gedichte, Scherenschnitte und Vertonungen in Gedenken an Wendelin Überzwerch

Ach, diese Zeilen gehen runter wie Öl: „Und manchmal, in knappen Zeilen, sagt er so viel wie ein Roman; auch küsst die Muse ihn bisweilen für einen Geistesblitz spontan". Aus Wendelin Überzwerchs Zeilen, hier über den Feuilletonisten, hat die Endersbacher Multikultur-Frau Eva Strehl ein Buch gemacht. Heute wird es vorgestellt.

Buch ist schon wieder zu wenig gesagt. Das Werk zwischen stabilen Deckeln, 100 Seiten stark, ist selbst ein Multimedia-Werk, freilich bewerkstelligt mit guten alten, erbaulichen Sparten der Künste. Da wäre zunächst einmal der Text, die Gedichte. Eva Strehl, gelernte Musiklehrerin, hat sich schon lange in die Verse des oberschwäbischen Dichters Wendelin Überzwerch verguckt. Dieser, ein Mörike Liebhaber, hat seinem Volk genau und doch sehr gnädig aufs Maul geschaut und dabei Zeilen geschaffen, die zum Anrührendsten, Herzinniglichsten gehören, was der schwäbische Mund(art)-impressionismus je geschaffen hat. Darunter eben auch die oben zitierte Schmeichelei dem Feuilletonisten, dem Kulturschreiberling, gegenüber. Wir sind gerührt. Eva Strehl ist in Weinstadt und drumherum heute vor allem bekannt durch beharrliches Mobilisierungswerk mittels ihrer Interessenbörse „Impulse". Dort, beheimatet im Bahnhof, wird dem eher älteren Klientel gerade durch die Kultur Dampf für den dritten Lebensabschnitt gemacht. Es kann nicht ausbleiben, dass eine solche Lokomotive einige Anhänger hinter sich hat. Bei einer Mörike-Ausstellung machte sie die Bekanntschaft der Stuttgarterin Ursula Kirchner. Sie ist eine legitime Nachfahrin der Waiblinger Scherenschnittkünstlerin Luise Duttenhofer. Kirchner, Mitglied im Deutschen Scherenschnittverein, lieferte 20 Schwarz-auf-Weiß-Ansichten zu den Überzwerch-Gedichten. Und wer ins Buch schaut oder noch bis zum 9. Dezember in die dazugehörende Ausstellung in der Endersbacher Sparkasse sieht: Hier lässt sich eine Paper-cutterin, wie die Engländer sagen, nicht einfach illustrativ ein auf ein sprachliches Motiv, sondern sie arbeitet frei assoziativ, überhöht in expressiver Manier oder wird mit ihrem Schnitt auch mal allegorisch weichzeichnend, soweit dies bei einem solchen Kontrastmittel möglich ist. Dritter im Bunde: der Weinstädter Grafiker und Buchgestalter Stefan Unterreiner, der mit sparsamer Typografie und klarem Layout das Buch zu einem Hand- und Augenschmeichler machte.Und weil's so schön ist und gut tut, zitieren wir nochmals: „Er rafft Jahrtausende in einen keck hingeworfnen Nebensatz - und bringt dem Publikum es dar. Für sechs Mark siebzig Honorar".

Info

Das Buch „Dich und mich im Blick" enthält noch eine dritten Komponente, und zwar Vertonungen der Überzwerch-Zeilen durch die Musiklehrerin Eva Strehl. Und just dieses Werk kommt heute bei der Eröffnung der Ausstellung in der Endersbacher Bank zu Gehör. Die Sopranistin Christine Euchenhofer singt, die Pianistin Sabine Schubert-Kessler begleitet und der emeritierte Stuttgarter Staatsschauspieler Werner Knorr, auch in Weinstadt beheimatet, rezitiert die Gedichte. Heute, Freitag, ab 19 Uhr in der KSK-Hauptfiliale Endersbach.